Christus spricht: „Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“ (Johannes 12,32) Der Evangelist Johannes legt damit Jesus in den Mund: „Wenn mein irdisches Leben beendet ist, wird sich die Wirkung meiner frohen Botschaft von Gott so vervielfältigen, dass alle mir vertrauen werden.“ Das ist eine „steile“ Aussage, gerade in Zeiten, in denen immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft mit Kirche und Gott immer weniger anfangen können.

Gebet:

Öffne mich, Gott, für dich!
Löse alles auf, was meine Kehle und mein Herz zuschnürt.
Erfülle mich mit Zuversicht und Hoffnung.
Lass deinen Frieden und deinen Segen wachsen in mir und unter uns.
Amen.

 

Lied:  EG 451 Mein erst Gefühl sei Preis und Dank

1. Mein erst Gefühl sei Preis und Dank,

erheb ihn, meine Seele!

Der Herr hört deinen Lobgesang,

lobsing ihm, meine Seele!

2. Mich selbst zu schützen ohne Macht

lag ich und schlief in Frieden.

Wer schafft die Sicherheit der Nacht

und Ruhe für die Müden?

3. Du bist es, Herr und Gott der Welt,

und dein ist unser Leben;

du bist es, der es uns erhält

und mir’s jetzt neu gegeben.

4. Gelobet seist du, Gott der Macht,

gelobt sei deine Treue,

dass ich nach einer sanften Nacht

mich dieses Tags erfreue.

5. Lass deinen Segen auf mir ruhn,

mich deine Wege wallen,

und lehre du mich selber tun

nach deinem Wohlgefallen.

 

6. Nimm meines Lebens gnädig wahr,

auf dich hofft meine Seele;

sei mir ein Retter in Gefahr,

ein Vater, wenn ich fehle.

7. Gib mir ein Herz voll Zuversicht,

erfüllt mit Lieb und Ruhe,

ein weises Herz, das seine Pflicht

erkenn und willig tue:

8. dass ich als ein getreuer Knecht

nach deinem Reiche strebe,

gottselig, züchtig und gerecht

durch deine Gnade lebe;

9. dass ich, dem Nächsten beizustehn,

nie Fleiß und Arbeit scheue,

mich gern an andrer Wohlergehn

und ihrer Tugend freue;

10. dass ich das Glück der Lebenszeit

in deiner Furcht genieße

und meinen Lauf mit Freudigkeit,

wenn du es willst, beschließe.

Text: Christian Fürchtegott Gellert 1757
Melodie: um 1570, bei Michael Praetorius 1610 »Ich dank dir schon durch deinen Sohn«

 

„Die Corona-Krise wird die Welt verändern!“ – so sagen es viele Experten voraus. – Hoffentlich ist das so, kann ich dazu nur sagen. Denn bei allem Übel, das diese Krise bringt, zeigt sie doch auch Schwächen auf, auf denen bisher kein oder – wie wir jetzt erkennen – zu wenig Augenmerk lag. Das fängt bei der weltweiten Vernetzung von ÄrztInnen an geht bis zur Frage, was doch lieber in der näheren Region zu produzieren ist, weil bei einer Blockade der Transportwege ein Notstand eintritt. Es ist das gesunde Streben nach Sicherheit, was uns Menschen dazu treibt, Fehler zu erkennen und künftig zu vermeiden.

So ist der Drang nach Sicherheit lebensnotwendig. Wenn dieses Sicherheitsbedürfnis jedoch in eine panische Angst umschlägt, die lähmt, wird sie lebensfeindlich.

Ebenso lebensfeindlich kann es werden, wenn das Sicherheitsbedürfnis dazu treibt, mit Verschwörungs-Theorien einen Feind auszumachen. Auf diesen Feind wird der Grund des Übels projiziert und damit eine Schein-Sicherheit erreicht. Denn angeblich weiß ich ja nun, was Sache ist und wo es lang zu gehen hat: der Feind muss weg! – Auf diese Weise wird das Sicherheitsbedürfnis lebensfeindlich, weil es das Gehirn verblendet.

Für mich ist es hilfreich von anderen zu lernen. Auch im Umgang mit Unsicherheit. Der Predigt-Text zum Sonntag Exaudi ist für mich ein altes Lehrstück. Im 31. Kapitel seines Buches sagt der Prophet Jeremia:

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,

32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr;

33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Wichtig ist, dass dieser Text einen entscheidenden Hintergrund hat: dem Volk übermittelt Jeremia diese Zusage Gottes zu einem Zeitpunkt der maßlosen Verzweiflung, Unsicherheit und Angst. Der Tempel in Jerusalem ist zerstört, auch das „Allerheiligste“, die Bundeslade mit den Tafeln, auf denen die Gebote des Mose verzeichnet waren. Ein Teil des Volkes, alle führenden und gebildeten Leute leben in der Verschleppung. Keiner weiß, wie es weitergehen soll. – Vielleicht ist Gott tot, ist der Gedanke vieler.

In diese grenzenlose Unsicherheit hinein spricht der Prophet diese Worte, die von einem Beistand Gottes sprechen, der sich gar noch vergrößern wird zu dem, was vorher war. Denn künftig wird Gott seine Lebenshilfe nicht mehr auf zerbrechliche Tafeln schreiben lassen. Künftig wird Gott selbst das Wesentliche in die Herzen der Menschen schreiben. Jede und jeder Einzelne wird die Fähigkeit zur Erkenntnis Gottes in seinem Herzen tragen.

Diese Aussage des Propheten gegenüber den wunden Seelen seines Volkes ist ein phantastischer seelsorgerlicher Clou. Jeremia sagt nicht einfach: „Regt Euch nicht auf, es wird alles gut!“ oder „Es ist doch gar nicht so schlimm, denn Gott ist euch trotzdem nahe!“ Jeremia weiß genau, dass seine Mitmenschen  nicht einfach ihre Unsicherheit, ihren Schmerz und ihre Trauer, ihre Angst und Lähmung wegstecken können. So malt Jeremia mit Worten ein Bild, das er hinhängt wie ein leuchtendes Licht im Dunkel; ohne Vorwurf, ohne Kleinreden des Leides, ohne platte Tröstungen. Jeremia lässt mit seinem Bild die schmerzhafte Unsicherheit der Gegenwart hinter sich und leuchtet in eine Zukunft, in welcher die Angst aufgelöst ist und das Leben wieder blühen wird, weil Gott die Vorrausetzungen dazu schaffen wird.

Mich erinnern die Worte des Jeremia an mein „Christ-Sein“. Als Christ habe ich über das hinaus, was ich selbst und was die Menschheit alles vollbringen kann oder soll oder muss noch eine andere Dimension im Blick und im Herz. Als Christ weiß ich, dass der Mensch als Geschöpf begrenzt und zerbrechlich ist und daher mein Handeln und das Handeln der Menschheit immer unvollständig ist und fehlbar bleibt – bei allem Bemühen. Als Christ darf ich aber auch wissen, dass ich und dass wir nicht allein sind, dass es da eine „höhere“ Macht gibt, die mitwirkt und mitspielt bei allem was ist. Ja viel mehr noch: diese Macht ist die eigentlich Handelnde. Und diese Macht ist keine abstrakte, fremde oder gar mir oder dem Leben feindliche Macht. Im Gegenteil: gerade als Christ darf ich wissen, dass diese höhere Macht, die wir Gott nennen, eine (unvorstellbare) Größe ist, die mir und aller Kreatur unverbrüchlich zugewandt ist und bleibt. Eben genau so, wie sie bereits bei Jeremia aufleuchtet.

Dieses Wissen, diese „Glaubens-Gewissheit“, hat Folgen für mein Da-Sein. Diese reichen so weit, wie ich mich vertrauensvoll auf diesen Gott, den uns Jesus zeigt, einlassen kann. Denn wenn ich mir gerade in unsicheren Zeiten mein Herz und meinen Kopf für Gott öffne, wenn ich mir einleuchten lasse, was Gott mit mir vorhat, verändert mich das. Denn dann verblasst die Angst in mir.

Das Gegenteil von Angst ist nicht Mut. Mut ist ein Wegschieben der Angst. Mut lässt die Angst bestehen und übergeht sie, was bisweilen nicht ungefährlich ist. Das wirkmächtige Gegenteil von Angst ist Vertrauen und Hoffnung.

Dabei ist Gottvertrauen, so wie es uns von Jesus gezeigt wurde, kein Abschalten des Gehirns, sondern befähigt vielmehr zum klaren Denken. Vor allem: dieses Gottvertrauen löst Angst und Lähmung auf, damit ich wieder lebensfähig werde und Lebensfreude einziehen kann. Genau das ist Hoffnung. Die Hoffnung malt leuchtende Bilder der Zuversicht, so wie Jeremia mit seinen Worten.

Die Hoffnung bildete in den ersten beiden Jahrhunderten des Christentums die Leuchtkraft des Christentums. Das Christentum entfaltete sich nicht, weil es die Gelehrten der Welt überzeugte. Es wuchs, weil die Menschen, die sich von Gottes Liebe berühren ließen, Hoffnung ausstrahlten. Und das sprach insbesondere jene an, die in hoffnungslosen Lebenslagen, in Ängsten und Unsicherheiten, in Ungerechtigkeit und Leid lebten.

Vielleicht brauchen wir gerade in diesen Zeiten genau dies. Und vielleicht ist dies genau die Aufgabe und Chance für uns Christinnen und Christen. – Wie wär’s, wenn wir als Christinnen und Christen in Zeiten der Corona-Krise unseren Mitmenschen mit Hoffnung und Zuversicht begegnen würden? Eine Hoffnung, die sich getragen weiß von einer Macht, die alle Kreatur und das Leben liebt. Amen.

Gebet:
Großer Gott,

ich bitte dich für alle Menschen, die keine Hoffnung und Zuversicht finden,

zeige ihnen, wie nahe du ihnen bist.
Ich bitte dich für alle Menschen, die sich verirren und sich verblenden lassen von zu einfachen, vorgeblichen Wahrheiten,
gieße deinen Geist der Wahrheit in ihr Herz.

Ich bitte dich für alle Menschen, die Verantwortung übernehmen und tragen,

lass ihnen deine Güte und Liebe einleuchten und zur Richtschnur werden. Amen.

 

Lied: EG 136 O komm, du Geist der Wahrheit

1. O komm, du Geist der Wahrheit,

und kehre bei uns ein,

verbreite Licht und Klarheit,

verbanne Trug und Schein.

Gieß aus dein heilig Feuer,

rühr Herz und Lippen an,

dass jeglicher getreuer

den Herrn bekennen kann.

2. O du, den unser größter

Regent uns zugesagt:

Komm zu uns, werter Tröster,

und mach uns unverzagt.

Gib uns in dieser schlaffen

und glaubensarmen Zeit

die scharf geschliffnen Waffen

der ersten Christenheit.

3. Unglaub und Torheit brüsten

sich frecher jetzt als je;

darum musst du uns rüsten

mit Waffen aus der Höh.

Du musst uns Kraft verleihen,

Geduld und Glaubenstreu

und musst uns ganz befreien

von aller Menschenscheu.

4. Es gilt ein frei Geständnis

in dieser unsrer Zeit,

ein offenes Bekenntnis

bei allem Widerstreit,

 

trotz aller Feinde Toben,

trotz allem Heidentum

zu preisen und zu loben

das Evangelium.

5. In aller Heiden Lande

erschallt dein kräftig Wort,

sie werfen Satans Bande

und ihre Götzen fort;

von allen Seiten kommen

sie in das Reich herein;

ach soll es uns genommen,

für uns verschlossen sein?

6. O wahrlich, wir verdienen

solch strenges Strafgericht;

uns ist das Licht erschienen,

allein wir glauben nicht.

Ach lasset uns gebeugter

um Gottes Gnade flehn,

dass er bei uns den Leuchter

des Wortes lasse stehn.

7. Du Heilger Geist, bereite

ein Pfingstfest nah und fern;

mit deiner Kraft begleite

das Zeugnis von dem Herrn.

O öffne du die Herzen

der Welt und uns den Mund,

dass wir in Freud und Schmerzen

das Heil ihr machen kund.

 

Text: Philipp Spitta (1827) 1833
Melodie: Lob Gott getrost mit Singen (Nr. 243)

Einen freudvollen Frühling – gerade in dieser Zeit – wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Wilfried Ritz