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„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ So lautet der Spruch dieses Sonntags aus dem Psalm 98. Dieser Sonntag ist traditionell in der evangelischen Kirche der Sonntag der Chöre. Auch hier in unserer Kirche hätte an diesem Sonntag die Kantorei ein Konzert gegeben. – Heute ist das gemeinsame Singen in der Kirche untersagt. Kann und darf dennoch Freude sein?

Gebet:

Großer Gott,
schenke uns Freude –
auch in und trotz aller Unsicherheit.
Lass uns singen –
auch wenn wir dies im Moment
in Gemeinschaft noch nicht tun dürfen.
Lass uns dankbar sein –
auch wenn es so vieles gibt,
was uns unzufrieden sein lässt.
Amen.

 

Lied:  EG 302 Du meine Seele singe

1. Du meine Seele, singe,

wohlauf und singe schön

dem, welchem alle Dinge

zu Dienst und Willen stehn.

Ich will den Herren droben

hier preisen auf der Erd;

ich will ihn herzlich loben,

solang ich leben werd.

2. Wohl dem, der einzig schauet

nach Jakobs Gott und Heil!

Wer dem sich anvertrauet,

der hat das beste Teil,

das höchste Gut erlesen,

den schönsten Schatz geliebt;

sein Herz und ganzes Wesen

bleibt ewig unbetrübt.

 

3. Hier sind die starken Kräfte,

die unerschöpfte Macht;

das weisen die Geschäfte,

die seine Hand gemacht:

der Himmel und die Erde

mit ihrem ganzen Heer,

der Fisch unzähl’ge Herde

im großen wilden Meer.

8. Ach ich bin viel zu wenig,

zu rühmen seinen Ruhm;

der Herr allein ist König,

ich eine welke Blum.

Jedoch weil ich gehöre

gen Zion in sein Zelt,

ist’s billig, dass ich mehre

sein Lob vor aller Welt.

 

Text: Paul Gerhardt 1653
Melodie: Johann Georg Ebeling 1666

Singen vor Freude, das ist heute vielen vergangen. Die Sorge um die Gesundheit, die Sorge um die wirtschaftliche Existenz, die Ungewissheit wie es und wann es weitergeht und auch die Vereinsamung lässt viele Menschen eher Trübsal blasen.

Vielleicht blicken in dieser Zeit der Unsicherheit so manche Menschen aufmerksamer auf die Kirche und den Glauben. Behaupten die Christinnen und Christen nicht, dass Gott – sofern es ihn gibt – behütet und bewahrt? Könnte bei aller gegebenen Unsicherheit hier Halt zu finden sein?

Die Bibel erzählt: Gott gibt tatsächlich Halt. Und mehr als das, viel mehr! Gott schenkt Erfüllung, Frieden und Freude. – Nur oft anders, als wir Menschen uns das vorstellen.
Zu diesem Sonntag ist als Predigt-Text ein „Jubel-Text“ aus dem Alten Testament vorgesehen. Es ist ein Bericht von der Einweihungsfeier des Tempels in Jerusalem, den der König Salomo hat bauen lassen.

Im 2. Buch der Chronik wird berichtet:

2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion.

3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist.

4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf

5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.

12 und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.

13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn,

14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.

Die Errichtung und Inbetriebnahme des Tempels ist der zeichenhafte Abschluss der Sesshaft-Werdung des Volkes Israel. Bemerkenswert ist die Freude, die in dieser Erzählung mitschwingt, ausgedrückt durch einen einstimmigen Gesang und Zusammenklang von vielen Menschen und Instrumenten. Die Gegenwart Gottes eint die Verschiedenen und das Verschiedene im Lob und Dank.

Vom unruhigen und ungeschützten Wander-Dasein durfte die Bundeslade nun eine würdige, sichere Verwahrung finden. Endlich war Ruhe und Sicherheit eingetreten. So empfanden die Menschen damals jedenfalls und dies begründete einen wichtigen Teil der Freude der Menschen in der Erzählung.

Allerdings zeigt die Geschichte: die Menschen täuschten sich. Als etwa 400 Jahre später der Tempel Salomos von den Babyloniern zerstört wurde, war die Enttäuschung maßlos und die Vertrauens-Erschütterung dem Gott Israels gegenüber grundlegend. Erst langsam lernten die Menschen danach umzudenken, in dem sie altes Wissen wieder aufnahmen: Gott ist nicht an einen Ort gebunden und schon gar nicht von uns Menschen an einen Ort zu binden. Und die Erwählung Israels heißt auch nicht, dass Gott sein Volk vor Niederlagen, Zerstreuung und Leid verschont.

Vielleicht ist unsere Lebenslage heute mehr mit der Zerstörung des Tempels, als mit der Freude des Aufbaus zu vergleichen. Denn auch wir erleben eine Verunsicherung, ein „Nicht-Wissen“ und ein „Nicht-Festlegen“ von Experten und Politikern, wie wir dies bisher nicht kannten. Die Pandemie erinnert uns an unsere Begrenztheit und daran, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Der Virus als Krankheitserreger zeigt uns unsere Verwundbarkeit. Der Virus als Ursache von Tod zeigt uns unsere Endlichkeit. Genauso wie Krebs, wie das Rauchen, wie Unfälle oder wie Alters-Schwäche.

Leben ist zerbrechlich. Das war schon immer so – und das bleibt, obwohl unsere Medizin wunderbare Fortschritte gemacht hat und obwohl wir heute im Durchschnitt länger leben als vor 100 Jahren. Und obwohl es inzwischen Menschen gibt, die sich sicher wähnen, die Wissenschaft würde es vielleicht sogar in absehbarer Zeit schaffen, die Durchschnittslebenszeit zumindest noch einmal deutlich zu steigern.

Wir selbst sind und bleiben verwundbar und zerbrechlich. Und auch all die Systeme, die wir aufgebaut haben, sind und bleiben verwundbar und zerbrechlich: all die wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Konstruktionen können zusammenbrechen.

Der Virus zeigt uns: es gibt keine absolute Sicherheit. Das Leben ist immer im Fluss und ich kann nie wissen, was nach der nächsten Biegung kommt. Halt und Sicherheit finden kann ich nicht im Äußeren. Halt kann ich nur in dem Gott finden, der mit mir geht, egal wohin. – Vielleicht ist all dies auch ein Hinweis darauf, dass wir uns genau darauf einzurichten haben: auf ein Leben, das Veränderung beinhaltet.
Die Pandemie fördert aus meiner Sicht auch genau dies zutage: eine ungemeine Bereitschaft und Fähigkeit zur Veränderung. Und ein erstaunlich weitreichendes Bemühen um Leben und den Schutz von Schwachen. Ich erlebe es als beglückend und in hohem Maß erfreulich, dass sich und wie sich weltweit Entscheidungsträger für den Erhalt und dem Schutz von Leben, vor allem von Leben von gesundheitlich schwachen Menschen bemühen. Sie mögen nicht immer richtig liegen in ihren Einschätzungen und Entscheidungen. Was wirklich richtig gewesen wäre, lässt sich wohl auch in diesem Fall erst im Nachhinein für alle erkennen. Aber die Tendenz, der grundsätzliche Wille ist eindeutig. Und die Bereitschaft der großen Mehrheit der Menschen weltweit dies mit zu tragen ist meines Erachtens ebenso phänomenal. Zumal es so viele Betroffene gibt, die an den Folgen der Einschränkungen sehr schwer zu tragen haben – bis hin zur wirtschaftlichen Existenzgrenze. In allem Unglück haben wir daher auch allen Grund zum Lob und Dank – und zur Freude.

– In diesen Tagen werden wir an die Befreiung vom Nazi-Regime vor 75 Jahre erinnert. Auch dies ging einerseits mit einer unvergleichlichen Katastrophe einher: es gab so viel Tote, soviel (Staats-)Terror und Leid, wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Die notwendige Vernichtung des Nazi-Regimes ging auch mit der Vernichtung von vielen Menschen einher. Dies ist wahrhaftig kein Grund zum Jubeln. –

Wofür wir jedoch allen Grund zum Jubeln haben, ist das, was danach geschah: es durfte in einer unfassbaren Geschwindigkeit so viel Gutes aus der Asche, den Trümmern und dem Leid entstehen. Unmittelbar nach dem Zusammenbruch und der Zerstörung Deutschlands schätzten manche Menschen, dass ein Wiederaufbau und eine Erholung des Landes mehr als 70 Jahre dauern würde. – Wie haben sie sich getäuscht und welch ein guter Grund zur Freude ist dies. Und wie sich in den letzten Tagen abzeichnet, werden wir unsere Freude wahrscheinlich bald wieder (be-)singen dürfen.

Amen.

Gebet:

Großer Gott,

ich danke dir, dass ich in einem Land leben darf, dass mir relativ viel Sicherheit bietet – auch in gesundheitlicher Hinsicht. Ich danke dir für all die Menschen, die sich um das Leben und die Bewahrung vor allem auch der Schwachen bemühen.

Ich bitte dich, Gott, erlöse uns, erlöse alle Menschen weltweit von egoistischem Denken und Handeln. Zeige uns Wege, wie wir ein Zusammenleben auf der ganzen Welt finden können, dass dem Frieden und Wohl aller Menschen und aller Kreatur dient.

Amen.

 

Lied: EG 501 Wie lieblich ist der Maien

1. Wie lieblich ist der Maien

aus lauter Gottesgüt,

des sich die Menschen freuen,

weil alles grünt und blüht.

Die Tier sieht man jetzt springen

mit Lust auf grüner Weid,

die Vöglein hört man singen,

die loben Gott mit Freud.

2. Herr, dir sei Lob und Ehre

für solche Gaben dein!

Die Blüt zur Frucht vermehre,

lass sie ersprießlich sein.

Es steht in deinen Händen,

dein Macht und Güt ist groß;

drum wollst du von uns wenden

Mehltau, Frost, Reif und Schloß’[A].

A) Hagel

 

3. Herr, lass die Sonne blicken

ins finstre Herze mein,

damit sich’s möge schicken,

fröhlich im Geist zu sein,

die größte Lust zu haben

allein an deinem Wort,

das mich im Kreuz kann laben

und weist des Himmels Pfort.

4. Mein Arbeit hilf vollbringen

zu Lob dem Namen dein

und lass mir wohl gelingen,

im Geist fruchtbar zu sein;

die Blümlein lass aufgehen

von Tugend mancherlei,

damit ich mög bestehen

und nicht verwerflich sei.

 

Text: Martin Behm (1604) 1606
Melodie: Johann Steurlein 1575; geistlich Nürnberg 1581

Eine gute Zeit wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Wilfried Ritz