„Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“ Dies ist der Spruch des Sonntags aus dem Psalm 66 (Ps 66,20). – Die Formulierung dieses Bibelwortes finde ich bemerkenswert. Da steht nicht: „Ich lobe Gott, weil er das tut, worum ich ihn gebeten habe.“ Da wird vielmehr gesagt: „Gott ist lobenswert. Weil er mein Gebet hört – was immer er tut – und mich liebt – egal was geschieht.“

Gebet:

Wie kann ich Vertrauen finden –
in mich, in andere und in dich, Gott?
Lehre mich beten –
ohne Hemmungen, voller Hingabe zu dir, Gott!
Sprich zu mir –
durch dein Wort, durch deine Schöpfung, durch dein Handeln, Gott!
Zeige mir deine Nähe –
im Denken, im Fühlen und im Handeln für dich, Gott!
Amen.

 

Lied:  EG 454 Auf und macht die Herzen weit

1. Auf und macht die Herzen weit,

euren Mund zum Lob bereit!

Gottes Güte, Gottes Treu

sind an jedem Morgen neu.

2. Gottes Wort erschuf die Welt,

hat die Finsternis erhellt.

Gottes Güte, Gottes Treu

sind an jedem Morgen neu.

3. Gottes Macht schützt, was er schuf,

den Geplagten gilt sein Ruf.

Gottes Güte, Gottes Treu

sind an jedem Morgen neu.

 

4. Gottes Liebe deckt die Schuld,

trägt die Sünder in Geduld.

Gottes Güte, Gottes Treu

sind an jedem Morgen neu.

5. Gottes Wort ruft Freund und Feind,

die sein Geist versöhnt und eint.

Gottes Güte, Gottes Treu

sind an jedem Morgen neu.

6. Darum macht die Herzen weit,

euren Mund zum Lob bereit!

Gottes Güte, Gottes Treu

sind an jedem Morgen neu.

 

 

Text: Str.1,2,6 Johann Christoph Hampe (1950) 1969 nach dem englischen »Let us with a gladsome mind« von John Milton 1623; Str. 3-5 Helmut Kornemann 1972
Melodie: nach einem Tempelgesang aus China

 
Was ist ein Gläubiger? „Ein Gläubiger ist einer, der, wenn ihm eine Taube auf den Kopf sch…, auf die Knie fällt, Gott preist und ihm dafür dankt, dass Gott Kühen keine Flügel verliehen hat.“

Ein alter Witz, mit dem Zyniker danach trachten, den Glauben an Gott und das Gebet ins Lächerliche zu ziehen. Immerhin: dieser Witz deutet auf etwas Wahres hin. Denn der Glaube und das Gebet gehören zusammen.

Gerade seit dem die Corona-Infektions-Gefahr viele Menschen vom Arbeitsplatz fern hält, wird unsere offene Kirche von Einzelnen, von Müttern mit Kindern oder Paaren verstärkt aufgesucht. Ich bin sicher: viele von ihnen beten. Und das ausgelegte Buch in der Kirche bestätigt dies: es sind oft Gebetsanliegen darin zu finden.

Aber hilft das Gebet? Und wenn ja, wie? Und wem? Und warum ist die Corona-Krise noch nicht vorbei, wenn doch so viele Gott darum bitten?

Frage ich Konfirmandinnen und Konfirmanden danach, wie es denn um das Beten steht, bekomme ich bisweilen die lapidare Antwort: „Hab’s mal probiert. Hat nicht geklappt!“

Vor einiger Zeit las ich in der Kirchenzeitung ein gegenteiliges Beispiel: in den USA hatte ein Wirt neben einer Baptistenkirche ein Lokal eröffnet. Er störte mit seinen lautstarken Veranstaltungen bisweilen den Gottesdienst. Die Baptisten-Gemeinde wehrte sich: auf juristischem Weg erfolglos. Aber es wurde auch öffentlich in den Gottesdiensten um eine Lösung gebetet. Wenig später schlug ein Blitz in das Lokal ein. Es brannte völlig aus, die Sache mit dem Lärm hatte sich in Rauch aufgelöst.

Daraufhin verklagte der Wirt die Baptistengemeinde. Diese wies alle Verantwortung von sich ab. Der Richter gab seine Hilflosigkeit offen zu. Nach Aktenlage, sagte er, habe er es zu tun mit einem Wirt, der an die Macht des Gebetes glaubt und einer Kirchengemeinde, die dies offenbar nicht tut.

Wenn ich zu urteilen hätte, würde ich mich eindeutig auf die Seite der Baptistengemeinde stellen und die Klage des Wirtes abweisen. Deswegen, weil ich auf der Grundlage der Bibel die Lage völlig anders als der offenbar überforderte Richter sehe.

Im 6. Kap. des Matthäus-Evangeliums wird erzählt: „Jesus lehrte seine Jünger und sprach: 5 wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.

10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

11 Unser tägliches Brot gib uns heute.

12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“

Dieses Jesus-Wort wird oft in der Weise missverstanden, dass damit begründet wird, warum jemand nicht in die Kirche geht. Aber darum geht es hier gar nicht. Jesus wendet sich hier vielmehr gegen jene Leute, die ihre Frömmigkeit öffentlich zur Schau tragen und die mit viel Geplapper versuchen, Gott zu beeinflussen.

Nein, Gott lässt sich von uns nicht manipulieren. Nach dem Motto: je mehr ich bete, desto größer die Chance, dass ich von Gott das bekomme, was ich haben will. Und: Beten hat auch nichts mit Zaubern zu tun. So, als sei das ein magischer Vorgang, mit dem ich das Tun Gottes in meinem Sinne beeinflussen könnte. – Wer bin ich Menschlein denn, dass ich das könnte? – Wer so denkt, verkennt die Größe und Souveränität Gottes. Er kennt den Gott Jesu Christi nicht, auch wenn er sich noch so fromm gibt.

Was ist Beten aber dann? – In meinem Studium in den 70iger Jahren wurde diese Frage auch gestellt. Und wie es damals modern war, wurde diese Frage überwiegend auf der psychologischen Ebene gestellt und beantwortet. Beten beruhigt, beten führt zur Solidarität, Fürbitte ist Ausdruck von Mitgefühl. Und insofern kann das Gebet unter bestimmten Umständen durchaus seine Wirkung haben – auf der innerpsychischen Ebene.

Ja, das mag alles richtig sein. Aber es greift zu kurz. Beten ist eine religiöse Handlung, ein „Sich-vor-Gott-Begeben“, eine „Beziehungs-Tat“. Beten, so zeigt Jesus, ist eine Vertrauensübung zu Gott. Der Betende vertraut sich Gott an. Mit seinem gesamten Leben. Dazu gehören selbstverständlich auch all seine Anliegen. Dazu gehört aber vor allem, dass er sich Gott überlässt, ganz und gar. Und dazu gehört auch, dass er seine Gebets-Anliegen Gott überlässt und was er diesen macht. Ganz vertrauensvoll, wie zu einem gütigen, liebevollen Elternteil, dürfen wir uns an Gott wenden. Unser liebevoller „Vater“, in dessen Hand die Macht über Himmel und Erde liegt: Dein! Reich komme. Dein! Wille geschehe allumfassend. Und wenn Du es willst, Gott, so mag auch das geschehen, was ich mir so dringlich wünsche. Wenn du, Gott, es aber in deinem unergründlichen Ratschluss anders geschehen lässt, dann werde ich versuchen auch dies anzunehmen!

Wer auf diese Weise Vertrauen zu Gott übt, der bringt damit unsere oft mühsame Welt zusammen mit Gottes Reich des Friedens. Ja, das Gebet ist immer beides zugleich: Ringen und Trost, Verlassenheit und Paradies, Anfechtung und Gewissheit.

Die erwähnte Baptistengemeinde hat also durchaus nicht den Blitzschlag in jenes Nachbarlokal gezaubert. Sie hat auch nicht Gott dahin bekommen, das zu tun. Das geht nämlich nicht. Die Baptisten haben sich vielmehr mit ihrem Anliegen an Gott gewandt. Ob ich nun den Blitz als Gottesurteil sehe oder nicht, spielt dann auf der irdisch-juristischen Eben keine Rolle.

Den Konfirmandinnen und Konfirmanden versuche ich immer wieder nahezubringen, dass Gott keine Wunscherfüllungsmaschine ist. Gebet hinein und Erfüllung heraus. Beten ist eben nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine Vertrauensübung zu Gott. Der eingangs erwähnte Gläubige, der vom Kot einer Taube erwischt wird, mag in seiner Reaktion überzogen wirken. Letztlich aber ist das, was er tut, ein beachtlicher Ausdruck seines Gottvertrauens. Weil genau dies in einer krisenhaften Verunsicherung, wie wir sie gerade erleben, Halt geben kann, kommen Menschen in die Kirche – auch zum Gebet. Und das ist gut so!

Glaube ist Vertrauen auf Gott. Dieses Vertrauen bedarf der ständigen Übung, sonst erschlafft der Glaube wie ein ungenutzter Muskel! Deshalb kann ich gar nicht genug beten. Und vielleicht schaffe ich es dann sogar einmal, als von Kot Bekleckerter noch Dankbarkeit aufzubringen. Amen.

Gebet:
Großer Gott,

ich bitte dich für alle Menschen, die das Vertrauen in dich verloren haben,

lass ihnen deine Güte und Größe einleuchten.
Ich bitte dich für alle Menschen, die mit Krisen, mit Schicksal und Leid hadern,
lass sie Halt und Hoffnung finden in dir.

Ich bitte dich für alle Menschen, die Mangel leiden an Nähe, an Zuwendung, an Gerechtigkeit,

lass sie – auch durch mich – deine Liebe und deinen Frieden erfahren. Amen.

 

Lied: EG 344 Vater unser im Himmelreich

1. Vater unser im Himmelreich,

der du uns alle heißest gleich

Brüder sein und dich rufen an

und willst das Beten von uns han:

Gib, dass nicht bet allein der Mund,

hilf, dass es geh von Herzensgrund.

2. Geheiligt werd der Name dein,

dein Wort bei uns hilf halten rein,

dass auch wir leben heiliglich,

nach deinem Namen würdiglich.

Behüt uns, Herr, vor falscher Lehr,

das arm verführet Volk bekehr.

3. Es komm dein Reich zu dieser Zeit

und dort hernach in Ewigkeit.

Der Heilig Geist uns wohne bei

mit seinen Gaben mancherlei;

des Satans Zorn und groß Gewalt

zerbrich, vor ihm dein Kirch erhalt.

4. Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich

auf Erden wie im Himmelreich.

Gib uns Geduld in Leidenszeit,

gehorsam sein in Lieb und Leid;

wehr und steu’r allem Fleisch und Blut,

das wider deinen Willen tut.

5. Gib uns heut unser täglich Brot

und was man b’darf zur Leibesnot;

behüt uns, Herr, vor Unfried, Streit,

vor Seuchen und vor teurer Zeit,

dass wir in gutem Frieden stehn,

der Sorg und Geizens müßig gehn.

6. All unsre Schuld vergib uns, Herr,

dass sie uns nicht betrübe mehr,

wie wir auch unsern Schuldigern

ihr Schuld und Fehl vergeben gern.

Zu dienen mach uns all bereit

in rechter Lieb und Einigkeit.

7. Führ uns, Herr, in Versuchung nicht,

wenn uns der böse Geist anficht;

zur linken und zur rechten Hand

hilf uns tun starken Widerstand

im Glauben fest und wohlgerüst’

und durch des Heilgen Geistes Trost.

8. Von allem Übel uns erlös;

es sind die Zeit und Tage bös.

Erlös uns vom ewigen Tod

und tröst uns in der letzten Not.

Bescher uns auch ein seligs End,

nimm unsre Seel in deine Händ.

9. Amen, das ist: Es werde wahr.

Stärk unsern Glauben immerdar,

auf dass wir ja nicht zweifeln dran,

was wir hiermit gebeten han

auf dein Wort, in dem Namen dein.

So sprechen wir das Amen fein.

 

Text: Martin Luther 1539
Melodie: Tischsegen des Mönch von Salzburg vor 1396, Böhmische Brüder 1531, Martin Luther 1539.

Eine gute Zeit wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Wilfried Ritz