Glockenschlag für die 17. Woche 2014

Liebe Leserinnen und Leser,

Karfreitag, das Fest der Hingabe Jesu bis in den Tod, und Ostern, das Fest der Auferweckung, haben wir gerade gefeiert. Der Karfreitag verblasst in seiner Bedeutung oft. Dabei sind beide Feste auf einander bezogen, es gäbe das eine ohne das andere nicht. Beide Feste gemeinsam sagen uns: Das Leid, Sterben und Tod sind unsere reale Wirklichkeit. Aber Gott ist größer, stärker. Er hat die Kraft auch aus Bösem Gutes, aus Unheil Heil, aus Leid Jubel und aus dem Sterben und dem Tod neues Leben zu schaffen. – Das dürfen Christinnen und Christen glauben.

Und doch fällt es den allermeisten Menschen – ob Christ oder nicht Christin – schwer, mit dem Tod, vor allem mit dem Sterben umzugehen. Nicht wenige Menschen sagen mir: „Nein, ich habe keine Angst vor dem Tod. Aber vor dem Sterben!“

In den letzten Monaten ist die Debatte um die aktive Sterbehilfe wieder einmal in der Öffentlichkeit aufgekommen. Die Argumentation der Befürworter lautet:

Wir haben als Menschen ein Recht darauf, „in Würde“ zu sterben. Falls wir in die Situation kommen sollten, – meist aus gesundheitlichen Gründen – einem für uns unerträglichen Tod entgegen zu sehen, dann sollten wir deshalb nicht nur die Entscheidung treffen dürfen, (vorher) selbstbestimmt in den Tod zu gehen. Wir sollten auch das Recht auf aktive Unterstützung dazu haben! Hans Küng, der als prominenter Theologe die aktive Sterbehilfe befürwortet, bezieht sich auf die Verantwortung, die ich als Mensch von Gott bekommen habe, eine Verantwortung, die bis hin zur Gestaltung des Sterbens reiche. Der Mensch habe nicht nur ein Recht darauf zu sterben, wenn er keine Hoffnung mehr sieht auf humanes Weiterleben. Er muss auch – so Küng – ein Recht darauf haben, dass ein anderer ihm beim Sterben hilft, wenn es nötig wird.

In Würde sterben – darum bemüht sich auch die Hospizbewegung und die Palliativmedizin. Aber in der Form, dass sie nicht aktiv den Tod herbeiführt, sondern möglichst erträglich und mit allem Respekt das Sterben, die letzten Schritte des Lebens geschehen lässt. Das Sterben ist vielleicht die größte Herausforderung für uns Menschen – besonders für uns Menschen in der heutigen Zeit. Denn es ist ein Prozess des Loslassens, des letzten großen Loslassens, wie es kein größeres gibt. Es ist ein Geschehen, in dem wir unsere Ohnmacht erfahren wie sonst wohl kaum im Leben. Genau diese Ohn-Macht ist für Menschen des Machens (und der Macht) schwer erträglich. Dieses Angewiesen-Sein – im Krankheitsfall zunächst auf meine Mitmenschen – ist, so unerträglich es für viele Menschen sein mag, jedoch ein Teil meines Seins mit einem ganz eigenen Wert. Gelingt es mir, dieses Angewiesen-Sein auch im Prozess des Sterbens zu bejahen, kann daraus eine Tiefe von Beziehung und eine Erfahrung von Liebe in ungeahnter Dimension erwachsen. Dieser Erfahrung beraube ich mich, wenn ich selbst das Zepter in der Hand behalten und das Sterben nicht zulassen, sondern steuern, bestimmen oder gar vermeiden will.

Und: was mute ich dem anderen, was mute ich der Gesellschaft zu, wenn ich ein Recht darauf einfordere, dass mich jemand tötet, wenn ich es will? In welche Konflikte treibe ich damit den Einzelnen, der mich töten, und damit entscheiden muss, ob dieses Anliegen in diesem Moment wirklich angemessen ist? In welche Nöte zwischen Liebe und Todesstoß zwingt eine Mutter ihre Tochter, von der sie verlangt, von ihr getötet zu werden, wenn die Tochter nicht durch klare Regeln geschützt ist? In welche Rechtsunsicherheiten bringe ich die Gesellschaft, wenn unter Umständen ein Richter entscheiden muss, ob der Stoß im Rollstuhl vom Dach vom Toten gewollt war oder nicht? Wer definiert, was „Würde“ im Sterben ist? Ist vor Gott nicht jeder Mensch, egal in welcher Situation, würdig? –

Jesus bejahte sein Sterben – was nicht heißt, dass er nicht Angst gehabt und gelitten hätte. Und von menschlicher Seite wurde alles versucht, ihm die Würde abzuschneiden. Aber er nahm sein Kreuz auf sich und gerade deshalb, weil er sagte: „Nicht mein Wille, Vater, sondern Dein Wille geschehe!“ hat er in seiner völligen Hingabe an Gott im Sterben Unglaubliches zu tragen vermocht.

Auch wenn ich und Sie und wir alle nicht Jesus sind – er zeigt uns doch, dass wir darum beten dürfen, wenn es so weit ist, den Mut zu haben, das Sterben, so wie es ist und kommt, zu zulassen und geschehen zu lassen. Gott, der stärker ist als der Tod, verlässt uns auch im Sterben nicht. Und Sterben, so lehren uns die Sterbenden, kreist um etwas unfassbar Großes, Wesentliches.

Eine lebensfrohe Nach-Osterzeit

wünscht Ihnen Ihr

Wilfried Ritz, Pfarrer in Ginsheim