Glockenschlag für die 25. Woche 2014

Liebe Leserinnen und Leser,

fast täglich sehen, hören und lesen wir in den Nachrichten von Krieg und Terror in der Welt. Wir hören davon, sind vielleicht betroffen, gar entsetzt, lenken den Blick dann aber wieder auf unseren Alltag, der nichts zu tun hat mit jenen Menschen in Ihrer Not.

„In der Welt“ – das ist für uns gefühlt weit weg. Davon sind wir – Gott sei Dank – nicht unmittelbar betroffen. Und auch wenn wir aus den Medien von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer, von üblen Zuständen in Flüchtlingscamps auf Lampedusa oder in Griechenland erfahren, dann ist das immer noch viele Hundert Kilometer weit weg.

Seit Monaten jedoch sind Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, Äthopien und anderen asiatischen und afrikanischen Ländern unsere Mitbewohner und Nachbarn in der Mainspitze. Erst seit Kurzem habe ich davon erfahren. Und vielleicht geht es anderen Menschen in Bischofsheim, Gustavsburg und Ginsheim ähnlich: jenes Haus im bischofsheimer Industriegebiet, in dem zur Zeit etwa 74 Menschen leben, die meisten davon Asylsuchende und Flüchtlinge, ist bisher nicht im Blick. Und damit auch nicht die Menschen mit ihren je eigenen Schicksalen und unvorstellbaren Problemlagen.

Da einige dieser Menschen mir nun unmittelbar begegnen (insbesondere bei der Tafel), kann ich nicht mehr wegsehen. Die, welche mir zuerst begegnen, sind jene, die sich am weitesten vorwagen. Sie bringen diesen Mut auf, weil sie hervorragende Voraussetzungen mitbringen: die 22 Flüchtlinge aus Syrien sind fast alle hochgebildete junge Männer. Sie sind äußerst höflich, sympathisch, kommunikativ, neugierig und hochmotiviert, sich hier in Deutschland einzufinden. Sie kommen aus unterschiedlichen Regionen Syriens. Sie erzählen mir, dass die Hälfte der syrischen Bevölkerung (etwa 9 Mill. Menschen) auf der Flucht ist. Etliche der Männer sprechen nur Sprachen des Nahen Ostens, einige auch englisch. Diese übersetzen eifrig. Sie laden mich ein, zeigen mir das Haus. Es erinnert mich an eine Kaserne. Kastenmäßig gebaut mit Fluren auf denen rechts und links die Zimmer liegen, vier Personen in einem Raum, sehr bescheiden, ohne Privatsphäre aber sauber und akzeptabel. Der Waschraum für zwanzig Personen, sehr einfach, zwei Duschen und ein abgenutztes Sammelwaschbecken mit vier defekten Wasserhähnen. Aber mit warmen Wasser. Die Küche ist äußerst spärlich, ein Raum mit ein paar alten Stühlen und mehreren Tischen, davon einige an der Wand, auf denen ein paar Zweier-Kochplatten stehen. In dem Haus leben zur Zeit ca. 74 Männer, keine Frauen. Einige gehören zu jenen, für die dieses Haus ursprünglich gedacht war: die Arbeiter (zur Zeit aus Bulgarien), die im Grunde hier nur übernachten. Die Flure sind nach den Herkunftsländern der Bewohner belegt. Zuständig für das Haus und die Betreuung der Menschen ist der Kreis. Wem es gehört, bleibt offen. Für die Syrer ist es ihr „Camp“.
Jeder der Syrer bangt um seine Familie im Heimatland. Besonders hart ist es für die fünf von ihnen, die bereits verheiratet sind und die zum Teil schon Kinder haben. Ihr Status ist unterschiedlich. Die meisten kamen „legal“, gehören zum Kontingent der offiziell ins Land gelassenen Flüchtlinge. Einige jener, die „illegal“ (z.B. über Lampedusa) kamen, müssen die Ausweisung fürchten.

Seit 2-6 Monaten sitzen sie im „Camp“, ihnen fällt die Decke auf den Kopf. Ein Ende des Krieges in Syrien ist nicht absehbar. Daher wollen und müssen sie hier Fuß fassen und streben an, wenn irgend möglich ihre Familien nachzuholen. Ihr dringendstes Anliegen ist es, Deutsch zu lernen. Und eine Wohnung und Arbeit zu finden.

Beim Hinausgehen begegnet mir ein Äthiopier. Was mir dieser Asylsuchende erzählt, lässt mich ahnen, dass hier in diesem Haus nicht nur Menschen leben, die aus unvorstellbaren Abgründen kommen und nun einer besseren Zukunft entgegenfiebern. Dieser Äthiopier hat mit seinem Status als (noch) nicht anerkannter Asylsuchender, seinem starken Akzent in seiner für mich nur schwer verständlichen englischen Aussprache, seinen schwerstwiegenden körperlichen und seelischen Traumatisierungen und seinen (sicher auch daraus) resultierenden depressiven Zügen einen sichtlich steinigen weiteren Weg vor sich.

Wie die weiteren Wege der Bewohner des „Camps“ aussehen werden, liegt auch an uns. Nun sind sie Nachbarn, nun begegnen sie uns und wir sind über sie von dem betroffen, was „in der Welt“ geschieht. – „Ich weiß, was das heißt, in die Fremde zu kommen!“ sagt mir eine alte Dame, die vor 69 Jahren aus Schlesien flüchtete. „Und ich weiß, was es heißt, arm zu sein!“ sagt sie und arbeitet deshalb bei der Tafel mit. – Gott sei Dank finden sich auch Menschen, die helfen, Steine auf den Wegen anderer mit auszuräumen. Von solchen Helfern kann es nie genug geben. Darüber hinaus bedarf es der Aufmerksamkeit gegenüber und der Wertschätzung dieser (bisher) übersehenen Mitmenschen und des „Willkommen-Heißens“ durch uns alle.
Eine gesegnete Sommerzeit wünscht Ihnen

Ihr Wilfried Ritz, Pfarrer in Ginsheim