Glockenschlag für die 33. Woche 2014

Liebe Leserinnen und Leser,

als ich die Tage telefonierte, knarrte es in der Verbindung und meine Gesprächspartnerin meinte lapidar: „Wir haben wieder die NSA in der Leitung.“ Ein Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 6. August erinnert daran, dass auch wir Deutschen das Abhören gut können.

Die in München ansässige Software-Firma Finfisher GmbH gehört zu den Weltmarktführern unter den Spionage-Software-Herstellern. Die Trojaner-Software von Finfisher kann fast alle gängigen Antiviren-Programme umgehen. Mit ihr können Computer, Handys, Tablets usw. geortet, ausgespäht und manipuliert werden. Es gibt auch die Version, welche z.B. über einen präparierten USB-Stick die Software des Gerätes infiziert.

Die Firma Finfisher verkauft, so zeigen nun aufgetauchte Belege, welche offenbar durch einen Hacker zugänglich wurden, weltweit ihre Produkte. Bereits im Mai dieses Jahres ging Finfisher durch die Presse. Sie soll ihre Software auch an politisch bedenkliche Länder wie Ägypten und Bahrein geliefert haben. Inzwischen sind auf europäischer Ebene gemeinsame Regelungen angekündigt. Auch Bundeswirtschaftsminister Gabriel versprach strengere gesetzliche Vorgaben in Deutschland. Erst seit 2012 ist der Verkauf solcher Trojaner-Software an Syrien und Iran verboten. Der Verkauf an Russland oder Malysia wurde bisher durch sogenannte „Hermes-Absicherungen“ durch die Bundesregierung unterstützt. Die Haltung der Regierung zu dieser Branche ist wohl zwiespältig. Immerhin steht unser Staat selbst auf der Kundenliste von Finfisher – freilich zur Abwehr von Kriminalität und Terrorismus.

Die Entwicklung geht immer weiter dorthin, dass das Internet ein „Kriegsfeld“ wird. Die Zerstörungen, die vor wenigen Jahren in iranischen Atomforschungsanlagen durch die Manipulation von Software angerichtet wurde, sind ein konkretes, öffentlich bekanntgewordenes Beispiel dafür, dass und wie auf diesem Feld bereits gekämpft wird. Regierungen in Staaten wie China oder Bahrein setzen Spionage-Software auch dafür ein, ihre eigenen oppositionellen Bürgerinnen und Bürger auszuspähen.

Solche Software, wie sie von Finfisher hergestellt wird, ist eine gefährliche Waffe auf dem Kriegsfeld Internet und digitale Bereiche. Sie kann in verheerender Weise gebraucht und missbraucht werden. Ihre Herstellung und Verbreitung birgt mindestens genau solche Gefahren, wie die Herstellung und Verbreitung von Gewehren, Minen oder Panzern. Während es bei uns jedoch bezüglich der konventionellen Waffen – wenn auch umstrittene, aber immerhin – gesetzliche Regelungen gibt, fehlen sie im Bereich von Software weitgehend. Und bei allen gesetzlichen Verkaufsbeschränkungen: jeder weiß, dass – egal welche – Waffen über Mittelsmänner und Drittländer letztlich genau dort landen, wo sie nicht hin sollten.

Was passiert, wenn solche Software in die Hand von Extremisten fällt? Empfindliche Angriffspunkte wie Kraftwerke oder Transport- und Verkehrsnetze gibt es allemal. Ein wirksamer Schutz ist wohl nur erreichbar, wenn Regelungen getroffen werden, welche die Entwicklung, Herstellung, den Vertrieb, den Besitz und den Gebrauch solcher Software weitestgehend unterbindet.

Auch wenn unsere US-amerikanischen Freunde damit anders umgehen, wie sie überhaupt mit Waffen anders umgehen, sollten wir uns in Europa gerade hier an die Maßstäbe unserer eigenen Tradition halten. Und besonders unsere christliche Tradition zeigt uns unmissverständlich auf, dass nicht den Schnellsten, Stärksten und Brutalsten in die Hände gespielt werden darf.

Eine gesegnete Rest-Ferien-Zeit wünscht Ihnen
Ihr Wilfried Ritz, Pfarrer in Ginsheim