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Glockenschlag für die 39. Woche 2015

Liebe Leserinnen und Leser,

so lange wie das Thema „Flüchtlinge“ hat selten ein Thema in unseren Medien an der Spitze gestanden. Ich erlebe es dabei als beglückend, dass hier in Deutschland die zurzeit vorherrschende Stimmung gegenüber den Asyl-Suchenden freundlich ist. – Stimmungen sind brüchig, auch diese. Es gibt auch Gegenstimmen, Ängste und daraus resultierende Ablehnung in erschreckender Verhärtung.

Die gegenwärtig den Flüchtlingen weitgehende Offenheit und zugewandte Stimmung in Deutschland kann kippen, wenn das Ausmaß der Herausforderung, das mit der Integration der Flüchtlinge verbunden ist, deutlich wird. Gelder zur Verfügung zu stellen, wie dies im Moment geschieht, ist eine Voraussetzung zur Bewältigung Dies reicht jedoch bei Weitem nicht. Es gilt Strukturen zu schaffen: sehr viel mehr verpflichtende, qualifizierte Sprachkurse zu etablieren. Es gilt bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und mit neuen Regelungen die vorhandenen beruflichen Qualifikationen der Asylsuchenden aufzugreifen, zu ergänzen und fruchtbar zu machen. Es gilt in den Schulen und Betrieben Kinder und Erwachsene soweit zu „inkulturieren“, dass sie die in unserer Gesellschaft wichtigen und unabdingbaren Wertvorstellungen kennen und achten. Letztlich wird es an uns allen hängen, ob und wie die Aufnahme von Flüchtlingen in unserer Gesellschaft gelingt.

In den letzten Wochen häufen sich bei der Tafel der Mainspitze die Anrufe derer, die ausschließlich ganz persönlich ihre Spende an einen Flüchtling oder eine Asyl-suchende Familie geben wollen. – Was bewegt die Menschen, die mit diesem Ansinnen an die Tafel herantreten und bisweilen ihre Spendenbereitschaft zurücknehmen, wenn sie hören, dass die Tafel in der Mainspitze diesem Ansinnen nicht nachkommt?

Ich habe großes Verständnis dafür, dass Spenderinnen und Spender verunsichert sind, ob ihre Spende denn wirklich dort ankommt, wo sie hin soll. Ein solches Hinterfragen hat (leider) wahrhaftig seine Berechtigung. Um diese Unsicherheit zu nehmen, gibt es bei der Tafel der Mainspitze die Möglichkeit, einmal in die Arbeit „hinein zu schnuppern“. Es geht dabei nicht um ein „Angucken“. Die Gäste der Tafel sind keine Ausstellungsstücke. Wer hinkommt, kann unkompliziert und spontan mit anpacken. Als Helferin oder Helfer kann jede und jeder auch in Kontakt mit den Gästen kommen. Eine Möglichkeit, die übrigens die ein oder der andere Politiker auch bereits genutzt hat.

Meist jedoch wird diese Möglichkeit von jenen Spendenwilligen, die gern persönlich ihre Kleidung oder ihren Hausrat an Flüchtlinge, in der Regel speziell an syrische Flüchtlinge, übergeben wollen, nicht aufgegriffen. Denn oft scheint das Anliegen dieser Spendenwilligen ein anderes zu sein: sie möchten ganz persönlich die Wirkung und die Freude über ihre Spende und ihren Einsatz erleben. Das aber ist schwierig. Denn die Freude beim Beschenkten lässt sich nicht garantieren. Wie sollte das auch funktionieren? Wie sollte eine Situation herstellbar sein, in der z.B. ein Kleidungs-Stück gerade von dieser Person gebraucht wird, passt und gefällt? – In welche Situation kommt dann auch die beschenkte Person? Soll sie nun Freude vorgaukeln, wenn sie das Kleidungsstück nur deshalb nimmt, weil nichts anderes da ist?

Die Tafel der Mainspitze nimmt dankbar Spenden entgegen und stellt sie Bedürftigen zur Verfügung. Auf Grund der Sach-Spenden, die (fraglos) gezielt für die Flüchtlings-Arbeit eingehen, wurde eine Möglichkeit geschaffen, welche diese Spenden auch genau diesem Personenkreis zukommen lässt. Begünstigt wird dies dadurch, dass seit über einem Jahr Betroffene (also Flüchtlinge) als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter integriert sind. Dies hat Ausmaße angenommen, dass es Tage gibt, an denen ohne die Asyl-Suchenden keine Ausgabe möglich wäre.

Generell aber wird bei der Arbeit der Tafel nicht unterschieden, ob der oder die Bedürftige ein Deutscher ist, einen Migrationshintergrund hat oder Asyl-Suchender ist. Die Helferinnen und Helfer versuchen sicher zu stellen, dass die Weitergabe geordnet abläuft und jede und jeder der Gäste sich nehmen kann, was er oder sie braucht. Unter den Gästen gibt es Menschen, die sind höchst dankbar und erfreut. Es gibt auch andere – wie wo überall.

Die Arbeit der Tafel kann nur aus einem Geist heraus geleistet und auf Dauer durch getragen werden, der das Helfen und Geben um der Sache selbst und der Menschen willen vollzieht und nicht auf Dankbarkeit angewiesen ist. Dieser Geist ist es auch, den wir alle benötigen in der Begegnung mit Flüchtlingen.

Einen gesegneten Spätsommer wünscht Ihnen

Ihr Wilfried Ritz, Pfarrer in Ginsheim