Glockenschlag für die 44. Woche 2013

Liebe Leserinnen und Leser,

der Erscheinungstag dieser Zeitung ist in diesem Jahr der Reformationstag. Das Reformationsfest ist weniger ein „Jubel-Fest“. Es ist vielmehr ein Gedenktag an die Grundgedanken der evangelischen bzw. reformierten Kirche. Ein wesentliches Anliegen dabei ist:

die Kirche hat nicht nur einen festen Bezugspunkt, auf den sie sich gründet. (Dieser Bezugspunkt ist der durch die Bibel überlieferte Glauben an den Gott, der uns von Jesus Christus gezeigt worden ist.) Die Kirche befindet sich auch in einem ständigen Entwicklungsprozess. Die sich ändernden Fragen der Zeit fordern die Kirche immer wieder heraus, Antworten zu finden auf der Grundlage des Glaubens. Weil sich die Menschen ändern, ändert sich auch die Kirche – und muss sie sich ändern. Andernfalls wird sie den Menschen nicht mehr gerecht und überflüssig.

In dieser Zeit gibt es eine lautstarke Anfrage an die Kirche, wie sie mit Geld umgeht. Dabei wird in den öffentlichen Medien oft nicht differenziert zwischen evangelisch und katholisch. So vollziehen sie das, was viele Menschen in unserer Gesellschaft auch tun. Selbst in der evangelischen Kirche gibt es Menschen, die keine Differenzierung zwischen den Konfessionen vollziehen. Auch in der evangelischen Kirche steigen die Austrittszahlen, weil einem katholischen Bischof Verschwendung vorgeworfen wird.

Viele Medien gehen aber noch weiter: sie schüren Emotionen in einer Weise, wie sie ins Antikirchliche gehen. Selbst die ansonsten doch als so seriös geltenden Medien-Institutionen wie die ARD oder das ZDF haben dabei mitgemacht. So wird das Bild vermittelt, dass „die Kirche“ auf Kosten von „uns Steuerzahlern“ Geld verprasst. Deshalb, so die völlig unsinnige Schlussfolgerung, müsse die Kirchensteuer abgeschafft werden. Der Staat müsse auf eine strengere Trennung zwischen Kirche und Staat hinwirken. – Dazu sei angemerkt:

Ja, die Kirchen bekommen Geld vom Staat. Und zwar für handfeste Leistungen, welche sie für den Staat erbringen: Religionsunterricht in den Schulen, Seelsorge beim Militär, das Tragen von Kindergärten usw. Für unsere Landeskirche betrugen diese Erstattungsbeträge 24.855.060 €. Dies waren 5,1% der Gesamteinnahmen unserer Landeskirche (508.799.920 €). Die Kirche bekommt auch Geld für die Pflege und den Erhalt von Gebäuden, welche gesellschaftlich-kulturell für alle von Bedeutung sind. (So wird der Limburger Dom nicht nur von Christinen und Christen, sondern auch von atheistischen oder von japanischen Touristen besucht.)

Ja, es gibt Zahlungen vom Staat an die Kirchen, welche auf Verträge vom Anfang des 19. Jahrhunderts zurückgehen. In unserer Landeskirche Hessen und Nassau betrugen sie im Jahr 2012 allerdings nur 2,3% (13.094.390 €) der Gesamteinnahmen. Über eine endgültige Ablösung dieser Zahlungen ist die Kirche gesprächsbereit.

Zu bedenken ist: die Kirchen sind in unserer Gesellschaft entscheidende Vermittler von Werten und Kultur. Sicherlich kann ich sagen: die kirchlichen Werte und deren Kultur interessiert mich nicht. Es geht hier jedoch nicht um ein Interesse von Einzelnen, sondern um Fragen der Gesamtgesellschaft. Die kommt ohne Werte und Kultur nicht aus. Vergleichbar wäre es, wenn jemand sagt: ich interessiere mich nicht für Sport, also soll der Staat den Sport und die Sportvereine nicht mehr fördern. Die öffentlichen Zuschüsse für den Sport liegen im Gebiet unserer Landeskirche dabei weitaus höher, als bei 13 Millionen € im Jahr.

Die sogenannte Kirchensteuer ist letztlich nicht mehr als eine Mitgliedsgebühr, welche der Staat gegen ein gutes Entgelt (4%) für die Kirche einzieht. Ein Geschäft, das für beide Seiten von Vorteil ist – mehr nicht. Diese „Kirchensteuer“, ist keineswegs ein Zuschuss des Staates für die Kirchen. Sie wird von den (in Familien für die) Mitglieder/n der Kirchen getragen und ist die größte und entscheidende Einnahmequelle der Kirchen.

Selbstverständlich muss es im Interesse von allen sein, dass den Kirchen anvertrautes Geld im sinnvollen und angemessenen Rahmen ausgegeben wird. Dem Bischof von Limburg wird vorgeworfen, dies in Bezug auf seinen Bischofs-Sitz nicht getan zu haben.

Ich weiß aus den Renovierungsarbeiten in der eigenen Gemeinde, wie schnell dabei die Kosten davon laufen können. So stellt sich für mich die Frage: wenn gegen einen Bischof ein solcher Medienhype bei 40 Millionen € aus der quasi „amtseigenen Kasse“ betrieben wird – welch ein Aufstand müsste dann gegenüber den Verantwortlichen betrieben werden, welche 600 Millionen € für ein Drohnengeschäft in den Sand setzen oder sich mit Milliarden für einen unterirdischen Bahnhof oder einen Flughafen verkalkulieren? Da steckt nun wirklich Geld von allen Steuerzahlern drin!
Vielleicht haben an dieser Stelle auch der Staat und auch die Medien selbst eine Reformation nötig.

Einen gedankenvollen Reformationstag wünscht Ihnen allen
Ihr Wilfried Ritz, Pfarrer in Ginsheim