Karwoche 2019

Gut kann ich mich noch daran erinnern, wie es war, als ich vor vielen Jahren die Kathedrale von Notre-Dame de Paris besuchte. Das Gebäude hat mich sehr beeindruckt, die Stimmung in dieser Kirche hat mich fasziniert. Dementsprechend Schockiert war ich, als ich die Meldung von dem Feuer in der Kathedrale hörte. Und die Bilder, die ich mir daraufhin im Internet ansah, haben mich wirklich tief berührt. Immer wieder, wenn ich Zeit hatte,  warf ich einen Blick auf den Stand der Löscharbeiten.

Ich war froh, dass ein Gebäude, das täglich von so vielen Menschen besucht wird, evakuiert werden konnte und nach ersten Erkenntnissen „nur“ drei Menschen verletzt worden sind.

Geärgert haben mich jedoch, diejenigen, die sofort einen Anschlag witterten, die „Besserwisser“ und die “ Verschwörungsliebhaber“. Dass der amerikanische Präsident sich mit einem „Vorschlag“ zum Löschen des Feuers zu Wort meldete, hat mich nicht sonderlich überrascht, da er sich ja in allem besser auskennt als die Experten dieser Welt. Dass sofort nach Schuldigen gesucht wird, bevor das Feuer endgültig gelöscht ist und dass ein Feuerwehrmann in einer gelben Schutzweste sofort dem Gerücht Aufwind schenkt, die Gelbwesten würden hinter dem Feuer stecken, erschreckt mich auch. 

Ganz schnell ging es um den Wiederaufbau. Von „Auferstehung“ war die Rede. 

Im gleichen Atemzug war von immensen Geldsummen die Rede, die der Wiederaufbau verschlingen würde und andere fühlten sich berufen, schon über einen Zeitplan zum Wiederaufbau zu sprechen. Das hat mich unangenehm berührt. Bereits am Tag nach dem Feuer waren 900 Millionen Euro zugesagt für den Wiederaufbau der Kirche. Gleichzeitig mit der großen Spendenbereitschaft entbrannte die Diskussion darüber, ob die Kirche genauso wieder errichtet werden sollte oder nicht.

Dass die französische Bischofskonferenz die Kathedralen im Land aus Solitaditätmit der Pariser Diözese zum Läuten der Kirchenglocken aufgerufen hatten, habe ich gut verstanden. Die Bestürzung im Land scheint an mancherlei Orten anzuhalten, Menschen äußern öffentlich mit Liedern und Gebeten ihre Betroffenheit und ihren Schmerz. Für andere hat die Normalität wieder ihren Lauf genommen, das Arbeitsleben geht weiter wie immer, auch die Obdachlosen auf der Straße sind sichtbar wie an dem Tag, an dem das Feuer ausbrach.

Es wurde deutlich, dass diese Kirche für viele Menschen erheblich mehr ist als ein sehr schönes Gebäude. „Ein Teil von uns allen … Ein Symbol Frankreichs … ein Symbol europäischer Kultur … die Seele von Paris … Dieses Feuer hat sehr viele Gefühle und Einstellungen ans Licht gebracht, die niemand zuvor geäußert hat.

Zunehmend werden auch die Fragen lauter, woher diese riesige Menge Geld plötzlich kommt, was mit diesen Summen schon früher alles hätte getan werden können. Und auch die Gelbwesten-Proteste eskalieren weiter.

Offensichtlich ist dieses Feuer vielen Menschen weltweit sehr nahe gegangen. Vermutlich sind auch durch diese tiefe Betroffenheit unbedachte Äußerungen in die Welt gesetzt worden. Das kann aber in der heutigen Zeit unüberschaubare Folgen haben. Sensationsberichterstattung im Minutentakt setzt alle Beteiligten unter den Druck, etwas mitzuteilen, was evtl. nicht ausreichend recherchiert ist und im schlimmsten Fall sogar Schaden anrichten kann. Wir müssen lernen, bedachter mit Informationen umzugehen, vielleicht auch unsere Neugier zu zügeln zugunsten guter Berichterstattung. Das ist besonders wichtig in einer Zeit, in der Meldungen unwiderrufbar in Sekunden in alle Erdteile versendet werden können.

Ein bisschen mehr Ruhe kann uns allen nur guttun.

 

Herzliche Grüße

Klaus Gottschlich