Liebe Leserinnen und Leser,

die bisherigen Weltbilder zerbröckeln, sagt Salman Rushdie. Für viele Menschen in unserer Gesellschaft galt über Jahrzehnte: die USA sind die vorbildhaft Guten! Russland ist das Böse! China ist das Gefährliche! Die Türkei ist unterstützenswert! Die Kirche(n) ist/sind wertevermittelnden Säule(n) unserer Gesellschaft! Die Demokratie ist die bestmögliche Form des Zusammenlebens! Wahrheit und Seriosität sind die Grundlagen der Politik! Die Rente ist sicher! Die Volksparteien beherrschen das poltische Geschehen! – All diese Vorstellungen lösen sich mehr und mehr auf oder sind bereits von der Geschichte weggewischt. Sogar das Bild vom permanenten, unendlichen (Wirtschafts-)Wachstum gerät ins Wanken.

Da es zurzeit noch keine neuen Bilder gibt, die zumindest von Mehrheiten in der Bevölkerung Zustimmung finden, ist „alles offen“. Das einzige was feststeht ist, dass wir uns in einem Prozess der Veränderung befinden. – Schauen wir in die Menschheitsgeschichte, dann stellen wir fest: Veränderungen hat es ständig gegeben – größere und kleinere, oft unerwartet plötzlich, immer auch wieder gewaltvoll als Umbruch, bisweilen leise und unspektakulär. Aber: Veränderungen gehören zum Leben dazu – zu jedem einzelnen Leben, zur Geschichte der Menschheit und der Natur.

Blicken wir auf die letzten gut 100 Jahre zurück, dann können wir im Bereich der Politik in unserem Land unfassbare Veränderungen wahrnehmen: Vom Kaiserreich zur Weimarer Republik zur Nazi-Diktatur zur BRD und der DDR zum vereinten Deutschland. Insbesondere im Bereich der Technik hat es im vergangenen Jahrhundert und gerade in den vergangen Jahrzehnten umwälzende Veränderungen gegeben. Und alle Anzeichen deuten darauf hin, dass es hier weitere Veränderungen in einer Form gibt, wie wir es uns noch gar nicht vorstellen können.

Bei allen Veränderungen gab es Gewinner und Verlierer, solche, die gut durchkamen und solche, die darunter litten, solche, die mit Elan, Kampfgeist oder als Visionär vorangingen und solche, die Angst bekamen. Die Ungewissheit, die zurzeit an vielen Stellen zu spüren ist, löst bei vielen Menschen nicht nur Unbehagen, sondern auch Unzufriedenheit und Angst aus.

Und dies ist wiederum die Stunde einer bestimmten Art von machthungrigen Politikern, welche vorgeben, eine schnelle und einfache Lösung herbei führen zu können. Solche vorgeblich schnellen und einfachen Lösungen werden vor allem im Lager der Extremisten posaunt, ob auf der politischen oder religiösen Ebene. Und um ihren Erfolg zu untermauern und zu mehren, rühren diese Leute in den Töpfen der Verunsicherung, der Unzufriedenheit und der Angst, um noch mehr davon zu erzeugen. Dies ist verwerflich – aber die Angst- und Unzufriedenheits-Töpfe sind vorher da.

Aber auch dies scheint eine menschentypische Erscheinung zu sein. Die Historiker lehren uns, dass oft bei einem Umbruch 25-30 Jahre später ein sogenannter „backslash“ (Rückschlag) auftritt: z.B. erfolgte nach dem amerikanischen Sezessionskrieg dann um 1890 ein erschreckendes Aufleben des Rassismus in den USA. Heute erleben wir in einigen postkommunistischen Staaten einen fürchterlichen Hang zur Demokratiefeindlichkeit und zum Nationalismus.

Sicher: unsere heutige geschichtliche Situation ist einzigartig, weil es ein Ausmaß und eine Geschwindigkeit von Veränderung gibt wie nie zuvor. Und es kommt eine einzigartige, weil eine vom Menschen beschleunigte, wenn nicht sogar ausgelöste Veränderung hinzu: die des verharmlosend genannten „Klimawandels“. Diese Veränderung ist wahrhaftig für den Bestand von Menschen, Tieren und Pflanzen existenzbedrohlich. Entlarvender Weise wird gerade diese Art der Veränderung, der Klimawandel, von denen, die einfache und schnelle Lösungen verkünden, geleugnet. Denn an dieser Stelle gibt es für alle offensichtlich keine einfachen und vor allem keine populären Lösungen.

So gilt es für uns heute zu unterscheiden zwischen Veränderungen in unserer Zeit von einer Art, mit welcher die Menschen seit Menschengedenken leben mussten – und einer Veränderung, der unmittelbar, mit Bedacht und konsequent gegengesteuert werden muss. um das Schlimmste zu vermeiden. Wenn wir den menschengemachten, sogenannten Klimawandel nicht stoppen, entziehen wir unseren Kindern, spätestens unseren Kindeskindern die Existenzgrundlage.

Es bleiben all die übrigen Veränderungen. Es bleibt all das Zerbrechen von Weltbildern. – Wie gehen wir damit um? Warum lassen sich so viele Menschen davon in eine Angst versetzen, die entweder zu einer fatalen Lähmung führt („Ich kann ja so wie so nichts machen!“), oder zu einem stoischen „Weiter so!“ oder zur Sehnsucht nach der totalen Lösung? Warum können wir Menschen offenbar gerade heutzutage die Ungewissheit und Unsicherheit, welche Veränderung mit sich bringt, kaum ertragen?

Vielleicht hängt diese Unfähigkeit auch mit unserer schwindenden Fähigkeit zu vertrauen zusammen. Ich meine nicht das Vertrauen in sich selbst oder das Vertrauen in andere. Ich meine das Vertrauen in Gott, also in eine höhere Macht, die uns Menschen nicht allein gestalten lässt. Nach meiner Erfahrung fallen keine Lösungen vom Himmel. Aber aus dem Vertrauen auf jene höhere Macht können die Kraft und der Mut erwachsen, nach Lösungen zu suchen und Veränderungen zu durchstehen. Und wenn es jene höhere Macht ist, deren Kommen wir im Advent erwarten, dann leuchten von dort her auch Richtungs-Weiser, welche uns auf einen guten Weg bringen können.

Eine besinnliche Adventszeit wünscht sich und Ihnen –

Ihr Wilfried Ritz, Pfarrer in Ginsheim