Gottesdienst zum Mitnehmen

für den 3. Sonntag in der Passionszeit (Oculi) –  07.03.2021

Pfarrerin Ellen Schneider-Oelkers, Evangelische Kirchengemeinde Bauschheim

YouTube-Musik-Links eingefügt von Armin Rauch 

 

Liebe Brüder und Schwestern,
am 3. März des Jahres 321 nach Christus verkündeten überall im Römischen Reich die Herolde des Kaisers Konstantin, dass der Sonntag
ab sofort ein arbeitsfreier Tag sein solle – für eine große Zahl von Menschen zumindest, wenn auch noch nicht für alle.

Aber heute – 1700 Jahre später – steht dieses Geschenk wieder auf dem Spiel.
Gerade weil wir aufgrund der Pandemie eine wirtschaftliche Durststrecke überstehen müssen, wird der Ruf nach einer Sonntagsöffnung der Geschäfte eher früher als später laut werden – es gibt ja viel nachzuholen!?
Aber was wird dann aus dem Sonntag – ein Tag wie jeder andere?
Gerade in dieser seltsamen Zeit, die so viele(s) durcheinandergebracht hat, sollten wir doch gelernt haben, wie wichtig Struktur und Rhythmus für uns sind.

Gesegneten Sonntag wünscht

Ellen Schneider-Oelkers
Pfarrerin in der Ev. Kirchengemeinde Bauschheim

Musik zur Einstimmung: „Gott Lob, der Sonntag kommt herbei“
Link auf www.youtube.com

 

Spruch der Woche:
Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes (Lk 9,62)

Gebet
Gott, Quelle der Zeit –
den Alltag unterbrechen, inne halten, die Aufmerksamkeit auf Dich richten – das tut gut, denn es macht den Kopf frei und das Herz leichter.
Sei Du jetzt da – durch deinen guten Geist, der Herz und Verstand berührt.
Amen.

  1. Psalm (EG 713)  Vergib mir meine Schuld

Nach dir, Herr, verlanget mich. Mein Gott, ich hoffe auf dich;

lass mich nicht zuschanden werden. Denn keiner wird zuschanden, der auf dich harret.

Herr, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige!

 Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich!

Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich.

Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.

Der Herr ist gut und gerecht, darum weist er Sündern den Weg.

Die Wege des Herrn sind lauter Güte und Treue für alle, die seinen Bund und seine Gebote halten.

Um deines Namens willen, Herr, vergib mir meine Schuld, die so groß ist!

Der Herr ist denen Freund, die ihn fürchten; und seinen Bund lässt er sie wissen.

Meine Augen sehen stets auf den Herrn; denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.

Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend.

Die Angst meines Herzens ist groß; führe mich aus meinen Nöten!

Sieh an meinen Jammer und mein Elend und vergib mir alle meine Sünden!

Bewahre meine Seele und errette mich; lass mich nicht zuschanden werden,
denn ich traue auf dich!

 

Lied „Gott Lob, der Sonntag kommt herbei“ – EG 162, Strophen 1-3
(Aufnahme zum Mitsingen – Link auf www.youtube.com)

  1. Gott Lob, der Sonntag kommt herbei, die Woche wird nun wieder neu.
    Heut hat mein Gott das Licht gemacht, mein Heil hat mir das Leben bracht.Halleluja.
  2. Das ist der Tag, da Jesus Christ vom Tod für mich erstanden ist
    und schenkt mir die Gerechtigkeit, Trost, Leben, Heil und Seligkeit. Halleluja.
  1. Das ist der rechte Sonnentag, da man sich nicht g’nug freuen mag,
    da wir mit Gott versöhnet sind, dass nun ein Christ heißt Gottes Kind. Halleluja.

Text: Johann Olearius 1671
Melodie: „Erschienen ist der herrlich Tag“, Nikolaus Herman 1560

 

 

Unseren Gottesdienst feiern wir im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen

 

Ein paar Gedanken zum (Vor-)Lesen….

Liebe Brüder und Schwestern,

stellen wir uns das Jahr 2031 (!) vor:
Vor dem Corona-Virus fürchtet sich keine*r mehr, denn die Allermeisten sind geimpft. Das „alte Leben“ ist zurück – und die Freiheiten sind sogar noch größer geworden als sie es vorher schon waren:
Das Arbeitsleben ist total flexibel geworden. Der Sonntagsschutz ist offiziell abgeschafft; in den Geschäften, Betrieben und Behörden wird jeden Tag rund um die Uhr gearbeitet.

Jede Frau, jeder Mann kann zwei Tage in der Woche frei nehmen – so, wie es gerade passt.

Manche sind davon begeistert und sagen, nun wäre das Paradies auf Erden angebrochen.
Aber mit der Zeit spüren die Menschen, dass da etwas schief läuft..

Denn die vermeintliche Freiheit zeigt immer mehr problematische Auswirkungen: Für zwischenmenschliche Beziehungen ist keine gemeinsame Zeit mehr vorhanden. Geschäft und Karriere, Profit und Konsum werden zu den zentralen Lebensmaßstäben. Paare leben nebeneinander her, Familien lösen sich auf, das Miteinander der Menschen in Dörfern und städtischen Wohnvierteln, in Kirchengemeinden und Vereinen bricht zusammen. Die Menschen fühlen sich zunehmend isoliert.

Ein Alptraum!?

 

Liebe Schwestern und Brüder,

noch ist dieser Alptraum nicht Wirklichkeit. Aber der Abbau des gesetzlichen Sonntagsschutzes in den letzten 50 Jahren zeigt, dass wir uns immer schneller darauf zu bewegen.

Als Christ/inn/en haben wir teil an dieser Entwicklung:

Wir werden damit konfrontiert, aber wir beugen uns auch – ja, wir befördern sie sogar! Denn Hand auf’s Herz: Wer von uns war wirklich noch nie in seinem Leben an einem verkaufsoffenen Sonntag unterwegs? Und wer hat noch nie ein gemütliches Frühstück mit frisch gebackenen Brötchen dem Gottesdienstbesuch vorgezogen? Und selbst die, die in normalen Zeiten (fast) jeden Sonntag zum Gottesdienst kommen, schaffen es meistens nicht, den Geist des jüdischen Sabbats, auf dem unser christlicher Sonntag ja inhaltlich fußt, für andere so erfahrbar und so sichtbar zu machen, dass auch die sich begeistern lassen. Auch „vor Corona“ waren die Kirchen sonntags ja nur in Ausnahmefällen voll.
Und manche bemühen sogar die Bibel, um ihre Abstinenz zu begründen: Hat Jesus nicht selbst gesagt „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat?“ (Mk 2,27)

Ja, es stimmt: Jesus hat das gesagt
Aber ihm geht es darum, seine Zuhörer*innen – und so auch uns – an den eigentlichen, an den ursprünglichen Sinn des Sabbats zu erinnern: Der Sabbat ist Gottes befreiendes Geschenk an den Menschen – und so soll er verstanden und gefeiert werden.

Aus dem Grund hat Jesus die leidenden Menschen, die zu ihm kamen, auch am Sabbattag geheilt.
Die folgende Geschichte erzählt davon (Lk 13,10-17):

Am Sabbat lehrte Jesus in einer Synagoge.

Dort saß eine Frau, die seit achtzehn Jahren krank war, weil sie von einem Dämon geplagt wurde; ihr Rücken war verkrümmt und sie konnte nicht mehr aufrecht gehen.

Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte: Frau, du bist von deinem Leiden erlöst. Und er legte ihr die Hände auf. Im gleichen Augenblick richtete sie sich auf und pries Gott.

Der Synagogenvorsteher aber war empört darüber, dass Jesus am Sabbat heilte, und sagte zu den Leuten: Sechs Tage sind zum Arbeiten da. Kommt also an diesen Tagen und lasst euch heilen, nicht am Sabbat!

Der Herr erwiderte ihm: Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke?

Diese Tochter Abrahams aber, die der Satan schon seit achtzehn Jahren gefesselt hielt, sollte am Sabbat nicht davon befreit werden dürfen?

Durch diese Worte wurden alle seine Gegner beschämt; das ganze Volk aber freute sich über all die großen Taten, die er vollbrachte.

Die Frau, deren Rücken seit 18 Jahren verkrümmt ist, wird von Jesus also ganz bewusst am Sabbat geheilt. Gerade an diesem „Tag der Beteiligung des Menschen an Gottes Freiheit“ befreit Jesus die kranke Frau von ihrer Verkrümmung und aus ihrer Einsamkeit, so dass sie wieder aufrecht gehen und am Leben der Gemeinschaft teilnehmen kann. Auch der empörte Zwischenruf des Synagogenvorstehers hält ihn nicht von der Sabbatheilung ab. Denn dadurch will Jesus seinen jüdischen Glaubensgenossen damals und uns allen heute deutlich machen:

Auch am Sabbattag gönnt sich Gott keine Ruhe, so lange es noch gekrümmte, niedergehaltene und unterdrückte Menschen auf Erden gibt. Gott will den aufrechten Gang: Er will, dass der Mensch jederzeit, besonders aber am Sabbat, aufgerichtet und befreit wird.
Ja, in der Tat: „Der Sabbat ist für den Menschen da.“

Liebe Brüder und Schwestern, unsere Aufgabe als Christ/inn/en ist es, diesen Geist des Sabbats in die Feier unseres Sonntags hinein zu hauchen – unsere Aufgabe ist es, den Sonntag als Tag der äußeren und inneren Freiheit zu begreifen und zu begehen: Als Tag der Freiheit von Konsum- und Kaufzwang, von Geld und Profitgier, von Arbeitswut und Leistungszwang, von Alltagsdruck und rastloser Hetze.

Der so gefeierte oder – wie es in den Zehn Geboten heißt – „geheiligte“ Sonntag ist nicht nur für uns Christ*innen, sondern für alle Menschen eine ständige Gelegenheit, zu lernen, dass das Entscheidende und Beglückende in unserem Leben letztlich das ist, was uns geschenkt wird – und nicht das, was wir selbst machen, verdienen oder gar zusammenraffen.

Wichtig dabei ist allerdings, dass der Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung für möglichst viele Menschen zeitlich zusammenfällt.

Eine Gesellschaft, in der der Austausch von Nachrichten und Waren immer rascher und unbegrenzter, in der das Lebenstempo immer atemloser wird, eine solche Gesellschaft braucht eine feste Zeit des gemeinsamen Aufatmens – eine Zeit, die Begegnungen in Familie und Freundeskreis, gemeinsame Feste und Feiern ermöglicht, eine Zeit, die regelmäßige Treffen, kulturelle und sportliche Veranstaltungen ohne Hektik und Zeitdruck zulässt. Was, wenn nicht das, lehrt uns die seltsame Zeit, in der wir gerade leben?

„Der Sonntag ist entweder ein Sonntag von allen oder er ist kein Sonntag mehr.“ (Roman Bleistein S.J.)

Ganz wichtig dabei ist auch: Der Sonntag darf nicht isoliert von der übrigen Woche betrachtet werden!

Zum einen wird für uns Christ/inn/en der Sonntag seit jeher am Samstagnachmittag eingeführt, ja buchstäblich eingeläutet – daher hat für uns auch der Samstag einen sozialen und kulturellen Wert. Zum anderen kann das, was während der Woche versäumt wird, nicht an einem Tag nachgeholt werden.

Mit anderen Worten: Ob der Sonntag seinen Sinn erhält beziehungsweise wieder erlangt, entscheidet sich an den Werktagen. Das befreiende Feiern des Sonntags hängt also davon ab, ob wir auch unter der Woche Zeiten einhalten, uns Zeiten gönnen – auch gegenseitig gönnen! – in denen wir wirklich zur Ruhe und Besinnung kommen, etwa in den Arbeitspausen und am Feierabend. Feierabend – was für ein schönes Wort…

Die gemeinsame Sonntags-Erklärung, die die christlichen Kirchen schon 1999 veröffentlich haben, sagt das so:

„Der Grundsatz ‚Zeit ist Geld‘ soll nicht alle Tage beherrschen. Menschen müssen Zeit haben für das, was sich ökonomisch nicht rechnet. Dafür steht der Sonntag.“

Als christliche Gemeinden haben wir den Auftrag, diese Botschaft des Sonntags den politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen, den Stadt- und Gemeinderäten vor Ort eindringlich zu vermitteln und das auch in der Öffentlichkeit kundzutun. Aber damit wir dabei im wahrsten Sinn des Wortes „glaub-würdig“ sind, müssen wir als Christ/inn/en selbst eine lebensfördernde und befreiende Sonntagskultur miteinander entwickeln – damit der Tag des Herrn auf alle Menschen in unserer Gesellschaft anziehend und ansteckend wirken kann.

Lasst uns also gemeinsam den Sonntag schützen, damit er auch uns und unsere Gesellschaft schützen kann – und das kann er dann, wenn er allen Menschen Zeit zum Aufatmen schenkt.

Amen.

 

 

Lied  „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt“, EG 638
(Aufnahme zum Mitsingen – Link auf www.youtube.com)

Der Text dieses Liedes ist urheberrechtlich geschützt und wird deshalb hier nicht angezeigt.

Fürbitten
Gütiger Gott,

Du hast uns den Sonntag geschenkt –

Zeit zum Abschalten, Zeit zum Ausruhen,

Zeit zum Auftanken von neuer Kraft,

Zeit für Gemeinschaft,

Zeit für Spiel und Spaß,

Zeit, die keinem Zweck unterworfen ist…

Stärke und ermutige uns, dass wir für den Schutz der Sonntagsruhe eintreten.

Lass den Sonntag zum Segen werden für jeden einzelnen Menschen und für unsere ganze Gesellschaft.
Gib, dass wir wieder zusammenkommen können – ohne Angst vor Ansteckung…

Wir vertrauen uns Dir an mit den Worten, die Jesus uns geschenkt hat:

Vaterunser

Vater unser im Himmel, Geheiligt werde Dein Name,
Dein Reich komme, Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit In Ewigkeit,

Amen.

 

Segenslied  „Ausgang und Eingang“, EG 175, Strophen 1-3
(Aufnahme zum Mitsingen – Link auf www.youtube.com)

Ausgang und Eingang, Anfang und Ende liegen bei dir, Herr, füll du uns die Hände.

Musik zum Ausklang: Möge Gottes Segen mit dir sein
Link auf www.youtube.com